12. "Bär - gegnungen" im Denali Nationalpark

Arctic Circle nach Denali NP

In Fairbanks / AK angekommenen übernachten wir nochmalig auf dem Zeltplatz am Stadtrand. Zum Abendessen braten wir unser Souvenir vom Polarkreis. Die 3 Männer hatten uns ein gefrorenes Stück Heilbutt mit auf den Weg gegeben und der brutzelt und duftet nun schmackhaft in Michaels Top - Pfanne. Allen läuft schon das Wasser im Mund zusammen. Als wir am Morgen in Richtung Süden aufbrechen, stellen wir fest, dass auch der Zeltplatzwart "das sinkende Schiff" verlässt. Er begibt sich für den Winter ebenfalls in den warmen Süden, um im Frühling wiederzukommen. Wir nehmen den Hwy 3 Richtung Anchorage aus der Stadt hinaus. Nach kurzer Fahrtzeit wird Steffi unruhig. Sie glaubt, am Horizont eine riesige, weiße Wolke gesehen zu haben. Nach genauerem Betrachten können wir es kaum glauben - es muss der Mt. McKinley sein. Noch gute 170 km entfernt können wir ihn schon sehen, ebenso als würde er aus dem Nichts einer Ebene emporragen. Von anderen Bergen sehen wir keine Spur. Wir fahren, immer das Ziel vor Augen, auf die Alaska - Range zu. Im Auto nimmt der übliche Wahnsinn seinen Lauf. Es wird um die Kassetten gezankt, jeder will natürlich was anderes hören, dem einen ist es zu warm, dem anderen zu kalt, Michael will Karten schreiben [ Er hat es sich zur Aufgabe gestellt 40 (!) Postkarten zu schreiben.] , Daniel sein Tagebuch vervollständigen und ich fahre selbstverständlich viel zu holperig, was die Herren ganz in Rage bringt. Steffi hält sich wie üblich aus allem raus. Die kleinen Zwistigkeiten sind aber eher das Salz in der Suppe als ein echtes Problem und eine passende Lösung findet sich schnell für alle Kleinigkeiten. Solange alle das gleiche Ziel haben, und das haben wir schon seit über 6000 km ist alles im Lot und in bester Ordnung. Erst kurz vor unserem heutigen Tagesziel, Denali National Park, beginnen wir etwas von Gebirge und Bergen zu sehen. Wir fahren zuerst ins visitor center und erkundigen uns nach den Bussen und Zeltplätzen. Da wir auf dem Weg keine Übernachtungsmöglichkeit gefunden haben, werden wir direkt hier im Park schlafen. Des weiteren reservieren wir einen Bus für den nächsten Morgen, um uns den Park anzusehen. Touristen ist es nämlich aus Gründen des Umweltschutzes nicht erlaubt mit ihren privaten Fahrzeugen in den Park zu fahren. Um aber trotzdem möglichst vielen die Schönheiten der Natur zugänglich zu machen, setzt man jeden Tag alte Schulbusse ein, die unterschiedlich lange Routen im Park zurücklegen. Trotz off season werden zahlreiche Veranstaltungen im und um den Park herum angeboten. Wir sehen einen Dokumentarfilm über die Geschichte des Nationalparkes und hören einen sehr interessanten Vortrag eines rangers über die Ursprünge Alaskas und die Ureinwohner der prähistorischen Zeit. Danach suchen wir uns schnell einen Platz, wo wir unser Zelt aufschlagen können und eilen zu einer geführten, kleinen Abendwanderung zum Horseshoe Lake. Die Dame, die unsere Gruppe führt, gehört der Parkorganisation an und erklärt viele wissenswerte Sachen über Flora, Fauna und wildlife des Denali. Zum Beispiel ist die Farbe der Espenrinde grün, weil diese Bäume mit ihrem Stamm Photosynthese betreiben. Die grünliche Farbe rührt also von dem grünen Chlorophyll, was sonst nur in Blättern zu finden ist, her. Diese sehr nützliche "Zusatz - Funktion" des Stammes macht die Espen zu einer besonders geeigneten Baumart in Breiten mit kurzer Vegetationszeit. Es ist schon dunkel, als wir zum Zelt zurückkehren, das heißt zu dem Platz, den wir uns ausgesucht hatten und der nun aber von anderen Campern okkupiert ist. Angeblich konnten sie unseren Reservierungszettel nicht lesen. Wir verbringen die Nacht daraufhin direkt neben der Zeltplatzeinfahrt, aber es wird nicht allzu laut.

Am nächsten Morgen müssen wir früh aus den Betten. Es ist absolut kalt und die Innenseite der Zeltwand ist gänzlich vereist. Wir machen uns einen heißen Tee und die Jungs essen ihr hot cereal, schmieren Schnitten für unterwegs und pünktlich 9.15 Uhr fahren wir mit dem Bus los. Mit ungefähr 25 anderen Touristen werden wir 11,5 Stunden die Wildnis des Parks erleben. Der junge, dynamische Busfahrer Jeff erzählt uns mächtig viel über alles das, was wir sehen und sehen werden. Neben einer absolut fantastischen Bergwelt mit zahlreichen Flussläufen, Hochwiesen, Seen und Mooren der Taiga und Tundra, die so typisch sind für das zentrale Alaska, sehen wir glücklicherweise viele Tiere. Das System funktioniert folgendermaßen: Jeder im Bus, der glaubt etwas Lebendiges gesehen zu haben, schreit laut. Anhand des Zifferblatt - Systems gibt man die genaue Position des Tieres an und alle wissen, auf welche Seite des Busses es sich zu lehnen gilt. Das führt teilweise zu echt bedrohlichen Schieflagen des Busses, weil natürlich jeder das beste Foto machen möchte. Im ersten Streckenabschnitt entdecken wir caribous, dall sheep, willow ptarmigan [ Rentiere, Dallschafe und Schneehuhn] und weibliche moose [ Elche] . Dann ist es soweit. Ein Schrei, Jeff bringt den Wagen zum Halten und man lehnt sich auf die linke Seite. Und da sehen wir tatsächlich eine Bärin mit Jungen. Sie spazieren in einem ausgetrockneten Flussbett dahin und bemerken uns gar nicht. Alle sind aufgeregt und schon jetzt ist klar, dass sich der Preis von $ 27 für die Busfahrt gelohnt hat, obgleich die Bärin ziemlich weit entfernt und schlecht zu sehen ist. Schon den ganzen Tag scheint die Sonne, kein Wölkchen ist am Himmel zu sehen. Echtes Glück, denn Mt. McKinley, mit 6194 m der höchste Berg Nordamerikas, ist 2/3 des Jahres in Wolken gehüllt. Und so sehen wir die gesamte Fahrt über den majestätischen Berg mit seiner schneebedeckten Nord- und Südspitze.

Als im Jahre 1917 der Mount McKinley National Park gegründet wurde, war er hauptsächlich ein Schutzgebiet für Großwild. Benannt wurden der Park und die höchste Spitze Nordamerikas nach dem früheren US - Präsidenten William McKinley. Erst 1980 mit der Ausweitung der Grenzen des Parks auf 2,4 Mio Hektar kam es zur Umbenennung in Denali National Park and Preserve. Denali bedeutet "Der Hohe" und ist die Bezeichnung der Athabaska- Indianer für den immer schneebedeckten Gipfel. Die erste erfolgreiche Besteigung gelang 1910, als eine Gruppe von sourdoughs den niedrigeren Nordgipfel erklomm. Erst drei Jahre später wurde der Hauptgipfel bezwungen. Heute versuchen sich jedes Jahr zwischen April und Juni etwa 1000 Bergsteiger am McKinley. Über 11.000 waren bisher auf der Spitze, der jüngste mit 11 und der älteste Bergsteiger mit 71 Jahren.

Aber alle Zahlen und Fakten geraten schnell in Vergessenheit, als ein weiterer Bär gesichtet wird. Er trottet mit seinem Zentnergewicht auf unseren Bus zu und kommt bis auf 2 m an ihn heran. Die ersten Filme werden in Panik gewechselt und ein erneutes Blitzlichtgewitter prasselt auf den grizzly herab. Er ist riesig, genau wie der ausgestopfte im visitor center, sein Fell ist dicht und dunkelbraun. Auch wenn er eigentlich friedlich und knuddelig aussieht, sind wir froh im Bus zu sitzen. Er läuft noch einige Meter vor uns die Straße entlang, um sich dann an einem Straßenschild aufzurichten und sich den Rücken zu graulen. Wir können uns nur schwer von diesem außergewöhnlichen Anblick losreißen, aber Jeff verspricht uns noch mehr. Im Eielson Visitor Center gibt es eine Mittagspause mit Blick auf die zerklüfteten und verschneiten Bergflanken des McKinley und auf den Muldrow Gletscher. Auf dem weiteren Weg zum Wonder Lake sehen wir etliche Adler und Elche mit großen Geweihschaufeln. Auf dem Rückweg werden alle ziemlich müde und die Schreie zum Anhalten immer seltener. Nur Michael gelingt es mit seinem unübertroffenen sächsischen Akzent: " Eh' 'n Bäääär!" alle aufzuwecken. Wirklich streift nochmals ein grizzly unseren Weg und demonstriert, wie man ordentlich und effektiv Beeren isst und sammelt. Immerhin fressen sie bis zu 250.000 Beeren täglich. Auch einen schönen, roten Fuchs sehen wir am Ende unserer Fahrt. Insgesamt haben wir auf diesem fast 12 - stündigen Trip 11 Bären, unzählige Elche, caribous, einen Fuchs, Adler und andere Vögel gesehen. Wir hatten wieder das richtige Händchen. Es waren wenig Touristen im Park und der Jahreszeit entsprechend haben wir viele Tiere gesehen, die im Herbst aus den höheren Regionen der Berge in die Täler kommen, um sich für den Winter voll zu fressen und teilweise dort zu überwintern. Alles in allem wieder ein gelungener und wunderschöner Tag, bei dem es schwer fällt, die Stimmungen und Emotionen in Worte zu fassen. Wir übernachten eine zweite Nacht im Park und wollen uns am nächsten Morgen noch eine Hundeschlittenvorführung ansehen.

Der Nationalpark ist weltweit bekannt für seine Arbeit mit Hundeschlitten im Winter. Da es beabsichtigter Weise kaum Straßen und Wege gibt, ist dies die einzige Möglichkeit, sich im Park zu bewegen. Die huskies sind schon ganz aufgeregt und arbeitswütig, als wir ankommen und werden zur Demonstration vor einen Schlitten gespannt. Es bleibt kein Zweifel, dass ihnen die Arbeit Spaß macht und dass sie den kommenden Winter schon mit ihren Nasen riechen. Beeindruckend, welche Kraft gepaart mit Schnelligkeit und Ausdauer sie entwickeln können. Gegen Mittag verlassen wir Denali Richtung Anchorage und noch eine ganze Weile können wir "Den Hohen" im Rückspiegel sehen, ehe wir die Alaska - Range verlassen.