20. Stadttag - Floßbau - Stille PostWhitehorse / YT nach Kinaskan Lake / BCDie Ortsbezeichnung geht auf die hochschäumende Gischt der einst gefährlichen Stromschnellen des Yukon im Miles Canyon zurück. Sie erinnerte die Prospektoren an die wehende Mähne eines Schimmels. Heute ist diese Assoziation nicht mehr nachvollziehbar, denn die einstigen rapids "ertranken" im Lake Schwatka, einem Stausee, der den Wasserstand im Canyon dauerhaft erhöhte. Seit wir Anchorage / AK verlassen haben, ist das heute seit langem mal wieder ein "Stadttag". Diese Tatsache nutzen wir dann auch weidlich aus, denn man freut sich schon mal wieder unter Leute zu kommen. Wir ergänzen unsere Essenvorräte, stöbern durch die Bibliothek, verschicken e - mails und Postkarten, lassen uns im visitor center von einem Film über das Yukon mitreißen, gönnen uns einen Burger und kaufen neue CDs ein. Das erste, was uns in diesem CD - Laden begrüßt, ist ein riesiger Schriftzug: "Willkommen im größten Musikladen des Yukon!", und es drängt sich uns unvermittelt die Frage auf, ob es denn nicht der einzige überhaupt ist. Wie gesagt Whitehorse ist mit europäischen Maßstäben gemessen die einzige "Stadt" im Yukon Territorium und mit rund 23.000 Einwohner noch nicht mal halb so groß wie Bautzen. Alles andere, was auf der Karte als Stadt eingetragen ist, sind nicht mehr als ein paar Häuser und man muss schon Glück haben einen Tante - Emma - Laden vorzufinden, geschweige denn einen Musikladen. Gegen Abend suchen wir uns einen geeigneten Platz zum Nächtigen und auf dem Robert Service Campground verbringen wir dann auch einen ruhigen Abend bei knisterndem Lagerfeuer. Zwar ist der Zeltplatz stärker frequentiert, als wir es bis jetzt gewohnt sind, aber das gibt uns auch mal wieder die Möglichkeit uns im small talk zu üben. Unsere Nachbarn in Sichtweite sind überaus gesprächig und nett, aber irgendwie nicht so anhänglich wie vier herumstreunende Hunde, die schon die ganze Zeit um unseren Lagerplatz streichen und unbedingt etwas von unserem Abendessen haben wollen. Wir essen, wie sollte es anders sein, die "selbst verordneten" maccaroni & cheese - billig und sättigend, wie Daniel und Michael betonen. Den treudoofen Hundeblicken kann keiner von uns widerstehen und so wandert immer wieder etwas unter den Tisch und in deren Mäuler. Die Nacht ist sternenklar und bitterkalt, aber die Schlafsäcke halten warm. Heute wollen wir ein paar Sehenswürdigkeiten in und um die Stadt herum besichtigen. Direkt am Ufer des Yukon liegt der sternwheeler [ Schaufelraddampfer] S.S. Klondike II. Der 1937 erbaute Schaufelraddampfer wurde mit den Maschinen des gesunkenen Vorgängers, der Klondike I, ausgerüstet und tat bis zur Fertigstellung des Klondike Highway im Jahre 1955 Dienst. Die Strecke zwischen Whitehorse und Dawson City bewältigten die Schiffe in 2 - 4 Tagen. Seit ihrer Restaurierung Ende der 60er Jahre ist sie das Schmuckstück der Stadt. Weiter geht es zu einer der längsten Fischleitern der Welt im Vorort Riverdale. Dieser Holzkanal wurde für die zurückkehrenden Lachse gebaut, damit sie die Staumauer überwinden können. Die "Leiter" besteht aus treppenartigen Stufen, über die die Fische Schritt für Schritt die Steigung bewältigen. An einem verglasten Teil lassen sich vorallem ab Ende Juli die Fische gut beobachten. Bloß wir sind wohl etwas zu spät, denn Lachse sind keine mehr da. Macht nichts, weiter geht es. Gestern haben wir herausgefunden, dass es jeden Tag ein all - you - can - eat bei Pizza Hut gibt und so etwas können wir uns natürlich nicht entgehen lassen, zumal wir jeder nur eine Tasse fast durchsichtige Milch ( nur 0,02 % Fett- das ist der fat - free Fimmel der Amis) zum Frühstück heruntergewürgt haben. Für nur can$ 6.99 darf man dann 2 Stunden lang die verschiedensten Pizzen und Salate essen und all - you - can - drink gibt es auch gleich dazu. Mit mehr als vollem Bauch verlassen wir Whitehorse und schauen noch mal beim Miles Canyon vorbei. Der Canyon und dessen Stromschnellen sind wie schon oben erwähnt maßgebend für den Namen Whitehorse gewesen. Heute kann man mittels einer Hängebrücke die Schlucht überqueren und auf das einzigartige, grüne Wasser hinabschauen. Erst am frühen Nachmittag verlassen wir die Stadt endgültig und begeben uns auf dem Alaska - Highway weiter Richtung Osten. Eigentlich wollen wir gar nicht unbedingt bis Watson Lake fahren, weil es aber keinen Zeltplatz unterwegs gibt, donnern wir 450 km ohne nennenswerten Zwischenstopp. Nur einmal machen wir halt, um nach einem vermeintlichen caribou Ausschau zu halten. Daniel der Glückspilz findet anstelle des Tieres eine Uhr und wir anderen haben Spaß an seinem Freudentanz. Auf einem öffentlichen Zeltplatz in der Nähe von Watson Lake / YT stürmen wir in den kitchen shelter und machen auch gleich Feuer. Es ist schon dunkel, aber die Pizzen liegen noch schwer im Magen, so dass wir nichts mehr kochen müssen. Gut eingepackt mit bis zu 4 Pullovern, 3 Hosen, Handschuh, Mütze und vielen Socken (mein Rekord!) kriechen wir in die Schlafsäcke. Das Innenzelt steht wie immer dicht neben dem Ofen, damit es ein wenig wärmer ist. So kann man gut die Nachtfröste überstehen und der Nebenmann / Nebenfrau ist ja auch noch da, um es so richtig gemütlich zu machen (wärmetechnisch, versteht sich!). Am nächsten Morgen fahren wir nochmal in das Dorf, stellen aber fest, dass der "Hund dort begraben liegt". Der Ort ist so gut wie verlassen und einen kostenlosen Kaffee können wir auch nirgends mehr erbetteln. Das Schild "Closed for the season! See you next June.", ist das einzige, was man uns bietet. Wir begeben uns auf den Cassiar - Highway, Richtung Süden, denn wir müssen langsam an die Rückfahrt denken. Die Straße läuft auf ihren ersten 300 km zunächst über die Liard Plains und danach durch die Cassiar Mountains. Dabei passiert sie unzählige hübsche Seen und Bäche. Ein wunderschöner offizieller campground befindet sich im Boya Lake Provincial Park am namensgebenden, glasklaren See, 86 km südlich des Alaska - Highway. Zum Zelten ist es noch etwas zu zeitig, aber dafür planen wir ein anderes Unterfangen. Wir wollen ein Floß bauen, aber diesmal ein richtig großes, um auf eine nicht weitentfernte Insel im See zu fahren. Also heißt das Kommando: Ausschwärmen zum Holzstämme suchen! Davon finden wir auch genug und mit Seilen schnüren wir ein stattliches Gefährt zusammen. Dummerweise ist es mörderisch schwer, so dass wir eine halbe Stunde brauchen, um es durch den weichen Ufersand mit Hilfe von Rollhölzern und Hebelstangen ins Wasser zu hieven. Michael traut sich wieder als Erster und schon nach wenigen Zentimetern wird klar, wie schlau es von ihm wahr, Schuhe und Hose auszuziehen. Bis zu den Knien versinkt er im eiskalten Wasser, aber er hält sich tapfer. Solange, bis sich das vordere Seil löst und er rücklings von "Bord" geht. Prustend und beinahe starr vor Kälte versucht er wenigstens die kostbaren Seile zu retten, aber die Floßfahrt zur Insel können wir alle vergessen. Erst im Auto kommen wir zu dem Schluss, dass man vielleicht doch keine Stämme zum Bau verwenden sollte, die schon einige Zeit im Wasser gelegen haben, weil sie nicht den nötigen Auftrieb besitzen. Egal, aus Fehlern lernt man und einen interessanten Nachmittag hatten wir allemal. In Dease Lake tanken und essen wir etwas und weiter geht es entlang des Stikine River. Die Straße, erst seit 1972 freigegeben, ist stellenweise noch völlig unasphaltiert und für Auto und Fahrer vorallem bei schlechtem Wetter eine Herausforderung. Ungefähr auf der Hälfte des 729 km langen Cassiar - Highways liegt der Kinaskan Lake mit einem fantastischen Zeltplatz am Südufer. Hier wollen wir die Nacht verbringen. Leider befinden wir uns mittlerweile wieder in British Columbia und das heißt, dass es Zeltplatzwarte gibt, die regelmäßig abkassieren. Die schönen und vorallem preiswerten Zeiten im Yukon und Alaska sind vorbei. Der Abend ist sehr windig und nur mit Mühen und einem behelfsmäßig konstruierten Windschutz gelingt es Nudeln zu kochen. Zusätzlich werfen wir noch ein paar Folienkartoffeln ins Feuer und machen es uns um das wärmende Feuer herum bequem. Wir genießen diese Abende. Es tut wohl in der Stille des Waldes am Feuer zu sitzen und die Gedanken schweifen zu lassen. Jedem von uns ist bewusst, dass wir morgen mit dem Kreuzen des Yellowhead - Highway die endlosen, weiten und menschenlosen Wälder des Nordens verlassen werden. Uns wird es nicht leicht fallen in die zuerst noch dünnbesiedelten Gebiete zurückzukehren und das alles hier hinter uns zu lassen. Je weiter wir nach Süden fahren werden, desto mehr Menschen werden wir antreffen. Wer hier im Norden dem Wald, der Natur mit halbwegs offenen Augen begegnet, wer in Ruhe und ohne jeglichen Zeitdruck die schwarzgrünen Fichten betrachtet und die goldenen Birken im Herbst, wer Zeit und Muße hat vor dem Zelt oder am Feuer zu sitzen und schweigend die wohltuenden Strahlen der Abendsonne zu genießen, der begreift mehr und mehr, wie unmäßig er sich überschätzt und zu wichtig nimmt. Er lernt sich zu bescheiden und sich einzufügen - nicht in eine menschengemachte gesellschaftliche Ordnung zuerst, sondern in ein natürliches organisches Gefüge des Lebens. Nach und nach verliert sich in ihm etwas von der harten und blinden Arroganz des "Twentieth Century Man" und eine ganze Portion von diesem "Sich - zu - wichtig - nehmen" steckt sicherlich in jedem von uns; der Mensch wird milder und einsichtiger. Es wachsen in ihm wieder Achtung und Ehrfurcht vor den Elementen, der Natur und dem Leben - auch vor seinem eigenen. Er lebt in einer Welt von alltäglichen Wundern, in der er wieder auf ein angemessenes, ein menschliches Maß schrumpft. Die rechte Einstellung, Bescheidenheit, Lernbereitschaft und eine offene Seele sind ungleich wichtiger als "große Taten". Bescheidenheit, Demut und die Erkenntnis, sich wieder an die Regeln und Gesetze der Natur zu halten, mit der Natur zu leben, nicht gegen sie - das sind die wichtigsten und wertvollsten Erfahrungen einer Wildnisreise für uns. Trotzdem - der Versuch, mit der Natur zu leben, ist auch nicht immer angenehm, wie sollte es auch. Das erfahren wir umgehend am eigenen Leib, denn ein aufkommender Wind treibt uns die Rauchschwaden des Feuers in die Augen. Kurzentschlossen verkriechen wir uns ins Zelt. Da noch keiner richtig müde ist, kommt Michael die Idee "Stille Post" zu spielen. Das tun wir dann auch unter erschwerten Bedingungen durch Mützen und Schlafsäcke hindurch solange bis es ruhig wird im Zelt. Good Bye Alaska - Good Bye Yukon See You Someday! |