24. Unterwegs im Okanagan ValleyJuniper Beach / BC nach Republic / Washington (WA)Laut ist es die Nacht gewesen. 14 Güterzüge haben wir gehört, denn wir zelten direkt zwischen 2 Bahngleisen. Michael, unser Held, hat todesmutig draußen unter freiem Himmel geschlafen, allen Klapperschlangen zum Trotz. Nach ein paar Plinsen mit Apfelmus brechen wir unser Lager abund begeben uns nunmehr auf dem Trans Canada Highway (TCHw) in östlicher Richtung nach Kamloops / BC. Es ist sehr heiß und der Eindruck, den die vorbeirasende Landschaft auf uns macht, bestätigt den Reiseführer. Wir befinden uns in einer großen Becken - und Plateaulandschaft, die teilweise überhaupt nicht gefaltet, sondern lediglich angehoben wurde. Somit ergibt sich hier plötzlich inmitten von gletscherbedeckten Bergketten ein völlig anderer Landschaftscharakter. Im Becken von Kamloops, einem der heißesten Orte Kanadas im Sommer, wo man auf Dünenfeldern und beeindruckenden Steppen - und Halbwüstenlandschaften stehen kann, im Westen und im Osten aber die Hochgebirgskämme mit ihren schneebedeckten Gipfeln immer noch erkennen kann, ist dieser Eindruck am frappierendsten. Durch die Stadt selbst fahren wir nur durch und fahren weiter nach Vernon / BC in das Okanagan Valley. Hier biegen wir auf den Hwy 97, die Hauptverkehrsader durch das Tal, ab. Das Okanagan Tal ist weit über die Provinzgrenzen hinaus wegen seiner besonderen Klimagunst und der darauf basierenden Obst - und Gemüseproduktion berühmt. Herzstück dieses Tales ist der 128 km lange Okanagan See, dessen Wasserfläche für die günstigen Klimaverhältnisse mitverantwortlich ist und der das Tal mit unerschöpflichen Wasserressourcen versorgt. Der Hwy, der direkt dem Küstenverlauf des Sees folgt, wird gesäumt von unzähligen Obst - und Gemüse - Verkaufsständen. Ortsbezeichnungen wie Summerland oder Peachland haben bezeichnende Namen für die Charakteristika des Tales, den Sommer und die Pfirsiche, die man beide hier zwischen ausgedehnten Obst - und Weingärten genießen kann, gefunden. In Penticton / BC am südlichen Ende des Sees machen wir Pause, denn wir sind fast am Endpunkt der heutigen Fahrt angelangt. Wir haben uns vorgenommen noch eine Farm, auf der wir vor 2 Jahren schon mal waren, zu besuchen. Doch zuerst wollen wir die Möglichkeiten, die so eine Stadt bietet, nutzen. Für uns Mädels heißt das, dass wir unseren gesamten Rucksack in einem öffentlichen laundromat [ Waschsalon] auskippen und waschen. Hier drüben in Kanada, aber auch in den USA, ist das die üblichste Möglichkeit sich seiner Schmutzwäsche zu entledigen. Während die Wäsche für ein paar cents gewaschen und getrocknet wird bleibt genügend Zeit sich in den umliegenden Geschäften umzusehen. Mit zwei neuen Jeanshosen und sauberen Sachen treffen wir uns dann mit den Jungs, die inzwischen in der Bibliothek gewesen sind, um einige e - mails abzuschicken. Als wir am späten Nachmittag auf der Farm in Naramata / BC bei den Grandbois ankommen, sind diese erst von einem Kurzurlaub zurückgekehrt. Aber ohne Frage werden wir auf das herzlichste begrüßt und da wir unangemeldet kommen, ist die Überraschung besonders groß. Ihre vier Kinder, die sich leider nur noch teilweise an uns erinnern können, und etliche Katzen - Babys sorgen im Haus für ganz schönen Trubel. Nachdem die ersten Neuigkeiten ausgetauscht sind, zeigen wir den Jungs das herrliche Grundstück, das sich direkt auf einer Klippe über dem Okanagan See befindet. Als wir hier waren, haben wir einen Großteil des Anwesens von Unkraut und Büschen befreit und haben zusammen mit den Grandbois versucht das Grundstück urbar und nutzbar zu machen. Heute erkennt man es kaum wieder - aus dem verwilderten Garten ist ein blühendes Paradies geworden; die schlammigen Wege von damals sind befestigt und mit Bäumen bepflanzt; der Wunsch von damals, sich ein Strohhaus zu bauen, wird zur Zeit umgesetzt. Unglaublich. Das Schöne daran ist, dass wir einen / unseren Teil dazu beigetragen haben. Wir werden zum Abendessen (Blumensalat!) eingeladen und zum Bleiben überredet. Eigentlich sollte es nur ein kurzer Besuch werden, weil wir zurück müssen, aber gegen Harriets Charme und Ricks Überredungskünste haben wir keine Chance. Die Nacht verbringen wir in Betten auf der offenen Veranda. Wir, die wir an "arktische Verhältnisse" um die - 6° C in der Nacht gewöhnt sind, genießen die warme, milde Luft und die Jungs freuen sich nach 5 Wochen mal wieder in einem Bett zu schlafen. Am nächsten Morgen stehen wir zeitig auf und nach einem starken Guten - Morgen - Kaffee müssen wir schweren Herzens weiter. Doch bevor wir das Tal ganz verlassen, wollen wir noch eine Wanderung zu einem alten Eisenbahntunnel machen. Diesen hatten wir schon damals von der Farm aus gesehen, aber der viele Schnee machte es zu riskant, zu ihm zu wandern. Eine zweite Chance bekommt man immer und heute ist nun wahrlich nichts von Schnee zu sehen. Bei blauem Himmel und aufsteigender Sonne wandern wir hinauf - "'ts just the wea' er me doctor orders!" [ Verszeile aus einem Gedicht von Robert Service, dem Nationaldichter des Yukon Territory.] Es ist so ein Morgen, an dem man vergisst, dass es Städte gibt, Motorenlärm, Gedränge, Hektik - kaum vorstellbar - vergessen, versunken, verblasst - unwirklich. Die Welt ist so frisch, so blühend voller Kraft und Leben und bei jedem Atemzug, bei jedem Schritt, bei jedem Sinneseindruck nehmen wir diese Frische in uns auf. Eine Freude, die leise jauchzt und wortlos jubelt- tief und ruhig, von innen her strahlend. Wir haben einen herrlichen Blick auf den See, wandern auf dem alten Schienenbett und kommen erst gegen Mittag los. In Osoyoos / BC, 60 km von Penticton entfernt und zugleich die letzte Stadt bevor wir Kanada verlassen, verbraten wir die letzten kanadischen Dollar und begeben uns über die Grenze in die USA in den Bundesstaat Washington. Nach einer kurzen Schrecksekunde, denn der Grenzbeamte gibt sich nicht mit dem üblichen Blick in den Pass zufrieden, sondern lässt uns an die Seite fahren, folgen wir dem Hwy 97 bis Tonasket / WA, wo wir den Hwy verlassen. Die Landschaft wird merklich grüner und gebirgiger und nach weiteren 60 km in östlicher Richtung finden wir einen schönen Zeltplatz in der Nähe von Republic. Gekocht wird heute nicht, denn bevor wir Kanada verlassen haben, konnten wir einem all - you - can - eat - Angebot nicht widerstehen. Stattdessen spielen wir Frisbee und vollführen sonstige turnerische Kunststücke, ehe wir ins Zelt kriechen. |