26. Im Yellowstone Nationalpark

Ennis / MT nach Alpine / Wyoming (WY)

Mit steifen Gliedern krabbeln wir morgens aus dem Zelt. Auf das Thermometer im Auto brauchen wir gar nicht erst zu schauen, um festzustellen wie kalt es ist. Nach 6 Wochen zelten in den unterschiedlichsten Klimaregionen können wir inzwischen die Temperaturen bis auf ± 2° C abschätzen. Das hier sind mindestens - 4° C. Heute haben wir keine Zeit das Eis an der Innenseite des Zeltes aufzutauen, denn ein extrem langer Tag liegt vor uns. In aller Eile brechen wir das Lager ab und begeben uns auf der Straße 287 Richtung Süden bis nach West Yellowstone / MT. Wir befinden uns immer noch im Cowboyland und als nach wenigen Kilometern riesige Rinderherden auf uns zukommen, wird dieser Eindruck nochmals bestätigt. Cowboys in langen Regenmänteln, Hut tief ins Gesicht gezogen, Zigarette im Mundwinkel und das Lasso am Sattel treiben tatsächlich noch genau so wie zu Pionierzeiten ihre Herden zusammen. Fortschritt scheint hier keine Bedeutung zu haben. Aber warum auch?! So wie wir das einschätzen können funktioniert diese Methode noch genau so gut wie damals. Nur als unsere Auto auf der Straße plötzlich vollständig von Rinderleibern umzingelt ist, fürchten wir doch um das Autoblech. Doch der Farmer hat die Herde unter Kontrolle und für uns nur ein müdes Lächeln übrig. Das Klischee vom harten, wettergegerbten Westmann könnte nicht besser bestätigt werden. Selbst der anbrechende Morgen zeigt sich mit strahlendem Sonnenschein und einem unendlich blauen und weiten Himmel von seiner besten Seite. Ein Königreich für ein Pferd! Hier könnte man wirklich bleiben. Doch die Zeit drängt und nach gut 1 Stunde erreichen wir West Yellowstone, ein kleines Dorf vor dem Westeingang des gleichnamigen Nationalparks. Der Ort selbst ist rein touristisch orientiert. Wir stellen uns daher gleich in die zum Glück kurze Schlange wartender Autos an und passieren gegen $ 20 Bezahlung den Parkeingang.

Der Yellowstone Nationalpark wurde im Jahre 1872 eingerichtet und ist somit der älteste und zugleich größte Nationalpark in den USA. Der größte Teil des 8983 km² großen Parks befindet sich im Nordwesten des Bundesstaates Wyoming. Kleinere Ausläufer gibt es auch im Südwesten von Montana und im Osten von Idaho. Inmitten der Rocky Mountains liegend ist sein eigentliches Zentrum ein breites Plateau, das eine gewaltige Caldera darstellt. Es liegt auf einer durchschnittlichen Höhe von etwa 2440 m und ist von hochaufragenden, zerklüfteten Bergketten umrahmt.

Noch bevor wir das gesamte Informationsmaterial, das man am Parkeingang erhält, durchsehen können, begegnen uns schon die ersten Tiere. In einer weiten Flussaue entdecken wir einen vermeintlichen Wolf - vielleicht ist es auch ein Coyote oder Fuchs, so genau ist das nicht auszumachen. Kurz nachdem wir in Madison Junction / WY Richtung Norden abgebogen sind, können wir eine kleine Bisonherde beobachten. Man hat eindringlich davor gewarnt, den Tieren des Parks zu nahe zu kommen und so halten wir mit Respekt Abstand. Als wir bei den Mammoth Hot Springs ankommen, ist der strahlend blaue Himmel leider hinter dicken Wolken verschwunden. Doch das soll uns nicht weiter stören. Der Park ist berühmt für seine zahlreichen heißen Quellen. Die darin enthalten Mineralien lagern sich auf dem umliegenden Boden ab und bilden interessante Kegel - und Terrassenformationen. Das beeindruckendste Beispiel hierfür sind die Mammoth Hot Springs, um die sich 91 m hohe Sinterterrassen geformt haben. Die weiße Terrassenstruktur ist sehr gut zu erkennen, nur leider ist keine der Quellen besonders aktiv. Dennoch ist es faszinierend auf den angelegten Holzwegen über diese Ablagerungen zu laufen. Der gleichnamige Ort, der hauptsächlich aus Unterkünften für die Parkangestellten und natürlich einem Hotel besteht, wird von einer Unmenge von Wapitihirschen belagert. Es ist rotting season, das heißt die Herden rotten sich für den Winter zusammen. Dementsprechend heiß geht es her. Besonders mit den männlichen Vertretern dieser Art ist nicht zu spaßen. Zwei von ihnen schaufeln mit ihren Geweihen im Boden und versuchen damit ihr Revier zu verteidigen und die Rivalen fernzuhalten. Dass nicht nur Artgenossen Rivalen darstellen, bekommt Michael eindrucksvoll demonstriert. Eigentlich wollte er nur ein Foto machen. Na gut, vielleicht sind 3 m dem Hirschbullen etwas zu nah, aber ist das ein Grund mit gesenktem Geweih auf Michael loszurennen? Bevor die Situation richtig prenzlig wird, rettet sich Michael mit einem Satz hinter das Auto. Nur mit Mühen kommt der wildgewordene Hirsch wenige Zentimeter vor unserer roten Blechkiste zum Stehen. Glück gehabt! Über Tower Junction / WY gelangen wir durch ausgedehnte Nadelwälder, die fast das gesamte Gebiet des Parks bedecken und den Tieren in freier Wildbahn einen ungestörten Lebensraum bieten, zum Canyon Village / WY. Nicht weit davon durchfließt der Yellowstone River einen gigantischen Canyon, den Grand Canyon of the Yellowstone River. Die gelben Wände des Canyons erheben sich in bis zu 335 m Höhe über dem Fluss und gaben dem Park sowie dem Fluss ihre Namen. Am Südwestende des Canyons bildet der Fluss zwei spektakuläre Wasserfälle, die Upper und die Lower Falls. Aus 34 bzw. 95 m Höhe stürzen gewaltige Wassermassen tosend in den Canyon. Wir laufen einige der ausgeschilderten trails direkt bis an die Flutkante der Lower Falls. Über Norris / WY und Madison Junction fahren wir zum wohl berühmtesten, aktiven Geysir, dem Old Faithful. Auf dem Weg dorthin halten wir oft an, denn es gibt immer wieder etwas Neues zu sehen, seien es Tiere, Pflanzen oder einfach ein schöner Ausblick, der sich nach der nächsten Kurve eröffnen kann. Mit über 3000 Geysiren und heißen Quellen konzentrieren sich hier diese Phänomene wie an keinem anderen Ort der Welt. Um Old Faithful gut beobachten zu können, hat man im Halbkreis ein Holzplateau mit Sitzen errichtet. Als wir ankommen, stehen schon unheimlich viele Menschen da und warten auf den Ausbruch. Da der Geysir mit dem Ausstoß von 3 bis 7,5 m hohen Fontänen Warnsignale seiner bevorstehenden Aktivität gibt, bleibt es nicht aus, dass einige Fotos zu früh verknipst werden. Doch dann ist es soweit. Old Faithful speit etwa 4 Minuten lang eine 52 m hohe Säule aus Dampf und heißem Wasser aus und versprüht dabei zwischen 37.000 und 45.000 Liter Wasser. Atemberaubende Naturgewalt. Einem beschilderten Pfad kann man über ein ganzes Feld von Geysiren, heißen Quellen, Fumarolen und Schlammvulkanen folgen. Unbeschreiblich wie viele unterschiedliche Farben, Formen, Geräusche und vor allem Gerüche durch emporsteigendes, heißes Wasser und Gas erzeugt werden können. Erst gegen Abend verlassen wir den Park durch den Südeingang. Uns ist bewusst, dass wir an dem einen Tag, den wir in diesem Park verbracht haben, nur einen Bruchteil von dem gesehen haben, was das "Wunderland" des Yellowstone zu bieten hat. Trotzdem hat es sich gelohnt und wer weiß, wann man wiederkommt! Mit dem Verlassen des Yellowstone Nationalparks sind wir auch schon im nächsten angekommen, dem Grand Teton Nationalpark. Es ist schon dunkel und so erkennen wir nur die Umrisse der Bergkette. Nach 100 km in südlicher Richtung sind wir in Jackson / WY angelangt. Auch von der Stadt hat Daniel schon viel erzählt. Fancy Jackson hat er immer gesagt und als wir ankommen, wissen wir warum. Im Gegensatz zu den Geisterstädten in Montana brummt hier der Bär. Überall glitzert und blinkt es. Die Neonreklamen der Bars ersetzen die Straßenlaternen und die laute Countrymusik lässt die Cowboys und Cowgirls selbst noch auf den Straßen tanzen. Pulsierendes Leben. Jeder scheint hier jeden zu kennen und man zieht gemeinsam von Saloon zu Saloon. Wir sind aber nicht auf der Suche nach Alkohol, sondern nach etwas Essbaren. Da Daniel heute in Spendierlaune ist, lädt er uns in ein nettes, uriges Familiy - Steakhouse ein. Es gibt, wie sollte es anders sein, all - you - can - eat Rib - BBQ. Dazu werden Salate und leckere Suppen serviert. Die Kellnerin, die für unseren Tisch zuständig ist, hat alle Hände voll zu tun. Ein Rippchenteller nach dem anderen wird von uns weggeputzt. Der Knochenberg auf dem Tisch wird größer und der Gürtel immer enger.Das ist das beste Essen seit wir Deutschland verlassen haben. Lecker, lecker, lecker. Für uns steht fest: Fancy Jackson - Tasty Ribs! Wir lassen uns viel Zeit, denn hier drin ist es viel gemütlicher, als in der kalten Nacht nach einem Schlafplatz Ausschau zu halten. Doch sobald der Magen besänftigt ist, übermannt uns doch die Müdigkeit. Wir müssen weiter. Erst weit nach Mitternacht finden wir in Alpine ein passendes Fleckchen zum Schlafen. Nach 20 Stunden auf den Beinen fallen wir totmüde und mit übervollem Bauch auf die Isomatten. Sleep Tight!