7. Campbell - Highway oder "Die Einsamkeit hat einen Namen"Hätte uns jemand am Muncho Lake gesagt, dass es eine Steigerung geben könnte, dann hätten wir ihm vermutlich nicht geglaubt. Und nun stehen wir hier am Simpson Lake. Wir haben in Watson Lake /YT den Alaska - Highway verlassen und 600 km gravel road [ unbefestigte Kies - und Schotterstraßen, die meist in endlegene Gebiete führen] auf dem Campbell - Highway liegen nun vor uns. Im Reiseführer hatte man die Strecke so beschrieben: "Viele Kilometer durch eine kaum berührte Gegend machen sie zu einem Geheimtipp für Leute, die Einsamkeit suchen, ohne in weiter entlegene Regionen reisen zu wollen." [ aus: Wagner, H. und B. / Grundmann, H. R. (1996): Canada, der Westen. Reise Know - How Verlag Grundmann] Der erste Zeltplatz ist 80 km von Watson Lake entfernt und bis jetzt ist uns wirklich noch nichts und niemand begegnet. Dementsprechend sieht auch der Zeltplatz aus. Alles verlassen, keine Menschenseele, nur ein riesiger See und Wald und Natur soweit das Auge reicht. An der schönsten Stelle, nur 5 m vom See entfernt, nehmen wir dann auch den kitchen shelter nur für uns in Besitz. Ist ja eh' keiner hier. Es ist eine Art Hütte ohne Türen und verglaste Fenster, aber mit einem riesigen Yukon - Ofen und Bänken in der Mitte. Wir alle sind fasziniert von dem Ort und die üblichen Tätigkeiten wie Kochen werden schnell zur Nebensache. Es ist früher Nachmittag und so hat jeder Zeit dem nachzugehen, wonach ihm der Sinn steht. Michael stromert im Wald herum, Daniel weiht seine eigens für die Reise gekaufte Hängematte ein, Steffi liest ein Buch und ich, na ja, ich improvisiere eine Angel mit der extra dafür mitgebrachten Angelsehne und Haken und versuche mal mein Glück. Die Fische wollen natürlich nicht so recht beißen, aber was hatte ich auch erwartet. Es geht ja sowieso wohl eher um den Akt als solches. Nachdem jeder so zur Ruhe gekommen ist, wird dann doch ein festliches Mahl auf dem Ofen zubereitet. Es gibt Reis mit Rührei und Jägersoße aus good old Germany und bei dieser tollen Kulisse hat es nochmal so gut geschmeckt. Es ist absolut still hier draußen. Nur die Bäume und der See machen Geräusche und natürlich die squirrels, eine Art Eichhörnchen. Nach dem Essen beschließen wir, einfach mal in den kühlen See zu springen, wir Mädchen voran und Michael hinterher, nur Daniel können wir nicht so richtig überzeugen. Es ist wohltuend und erfrischend, wenngleich auch wirklich "arschkalt". Immerhin befinden wir uns oberhalb des 60. Breitengrades und die herbstliche Jahreszeit ist alles andere als ideal für ein Bad, aber der gut geheizte Ofen bullert wohlig vor sich hin und wärmt uns schnell wieder auf. Im letzten Tageslicht gehen wir dann nochmal zum Steg. Das Bild, was sich mir bietet, entspricht dem, dass ich noch zu Hause von dem weiten Nordland gehabt habe. Wir sind angekommen. Bis hierher war es Anreise, jetzt sind wir da und genießen es. Nun sitze ich hier und habe das Gefühl, ein Teil dieser Natur zu sein. Ich bin nicht wichtiger als der Baum neben mir oder das Wasser unter mir. Ich bin Teil des Organismus. Ich gehöre dazu. Der Himmel, die Bäume, ich, alles spiegelt sich in der gläsern - glatten Fläche des Wassers. Farbkombinationen und Farbtupfer, dass einem fast die Luft wegbleibt, dass man für Minuten sitzen bleiben will und gebannt hinstarren muss. Herbstmystik - rätselvoller Traumwald - Dunst über dem Wasser... weiches, gedämpftes Licht - krispe, fühlbare Luft... Rätselreich. Es fehlt mir einfach an den Sinnen, einen solchen Eindruck ganz zu fassen. Das wird mir schmerzhaft deutlich. Immer wieder mischen sich Gedanken ein und verstellen den Zugang zu direktem Erleben. Die großartigste Wahrnehmung - kaum gerät sie in Berührung mit dem Denken - schon gerinnt sie, springt zusammen und erstarrt zur Formulierung. Das Wort gefährdet das Erleben! Aber warum dann so viele Worte? Ganz simpel: Ich kann nicht anders. Schließlich wäre es ja auch kein Weg, die Worte rigoros ausmerzen zu wollen. Ich brauche sie natürlich sehr wohl, die Worte. Es wäre heller Wahnwitz, ohne den Schutz der Worte auskommen zu wollen. Wichtig ist den rechten Pfad zu finden, den mittleren Weg: nicht wehrlos hinweggefegt zu werden, aber auch nicht eingeengt in dumpfem Grau dahinzusiechen. Mein Bestreben: mir die Gefahr, die der Schutzschild der Worte darstellen kann, bewusst zu machen, aber immer wieder einen Blick hindurchzuwerfen zwischen die Maschen des Sprachnetzes, das wir der lebendig - bunten Welt übergeworfen haben - hinaus in die mystische Wunderwelt voller unfasslicher Rätsel "da draußen". [ Buchtipp: Höh, Rainer (1993): Blockhüttentagebuch.] Die Nächte werden jetzt zunehmend kälter (- 5° C) und die Angst, dass in der Nacht ein Grizzly an die Zeltwand klopft, wird auch immer größer. Wer würde uns hier draußen schon hören?! Wir Mädels haben vorsichtshalber im Auto geschlafen, so wie wir es ja auch geplant hatten. Wenn wir keinen geeigneten Platz zum Schlafen finden, es zu kalt wird oder die Grizzlygefahr zu groß, wollten wir unser geräumiges Auto zum Nächtigen nutzen. Und zu zweit schläft es sich sogar sehr gut. Auch die Jungs waren über mehr Platz im Zelt nicht gerade böse. Eierkuchen und Apfelmus, bagels [ Art Milchbrötchen in verschiedensten Geschmacksrichtungen (Heidelbeere, Zimt...)] und ein heißer Kaffee aus Bundeswehrbestand (Andreas, wir danken dir!) geben uns einen guten Start in den nächsten Tag. Ein letzter Blick und schon sitzen wir wieder im Jeep und zählen die Autos, denen wir begegnen, an einer Hand. Watch out for wildlife heißt es auch an diesem Tag und tatsächlich bekommen wir einen majestätischen bald eagle [ Weißkopfseeadler] und Fische zu sehen. Den ganzen Tag über haben wir an den Flussläufen nach etwas "Schwimmbarem" Ausschau gehalten. Dann sehen wir welche im Tatchum Lake und sofort wird die Angel ins Wasser getaucht. Aber die Biester schwimmen rotzfrech daran vorbei, selbst den eigens erlegten Köder verschmähen sie. Michael und Daniel wollen nicht länger auf "Petris Heil" warten. Sie basteln aus einem Moskitonetz und einer Astgabel eine Art Kescher, von dem die Fische aber noch weniger beeindruckt sind. Schließlich haben wir alle Fische vertrieben mit unseren amateurhaften Versuchen und Daniel erglimmt einen umgestürzten Baum. Direkt über der Wasserfläche schwebend versucht er, den Angelhaken direkt in den Fischschwarm zu werfen. Auch das bleibt leider ohne Erfolg. Nach 3 Stunden geben wir auf und sind froh, dass kein ranger vorbeigekommen ist, denn es ist natürlich illegal, ohne Genehmigung zu fischen. Die Fahrt geht weiter durch dichten borealen Nadelwald. Die Bäume hier sind kleiner und verkrüppelter als in unseren Breiten, was natürlich durch die äußerst kurze Vegetationszeit und das Klima bedingt ist. Ab und zu findet man auch Espen und Birken, die mit ihren herbstgefärbten Blättern schillernd - bunte Farbtupfer in die riesige grüne Fläche bringen - Indian Summer. Diese Nacht verbringen wir am Little Salmon Lake. Er ist ebenso wunderschön wie der letzte und die Jungs wetteifern um das schönste Bild des Sonnenuntergangs. Nach 2 1/2 Tagen Fahrt auf dem Campbell - Highway erfahren wir etwas über den Mann, nach dem er benannt wurde.
Etwas oberhalb von Carmacks / YT stoßen wir auf den Klondike - Highway, auf dem wir bis Dawson City / YT fahren. Die Fahrt bietet nichts Außergewöhnliches bis auf die Tatsache, dass wir wieder mehr Verkehr begegnen und dass es zum ersten Mal seit 9 Tagen regnet. |