8. Dawson City - The rush is on!
Wir kommen von Osten her dem Klondike River folgend in die Goldgräberstadt. Bereits einige Kilometer vor dem Ortseingang türmen sich Berge von Schutt und Geröll auf, von denen man annehmen kann, dass sie abertausende Male von Goldhungrigen von einer auf die andere Seite gewaschen und sortiert worden sind. Moderne Maschinerien, aber auch Gerätschaften aus alter Zeit und unzählige Firmenschilder von Minengesellschaften beweisen, dass auch heute Gold noch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist. Der erste Eindruck von diesem Nest, das heute rund 2000 Einwohner zählt, könnte das Klischee nicht besser bestätigen. In Folge des Regens sind die nicht asphaltierten Straßen einzige Schlamm- und Matschbahnen. Alles ist aufgeweicht und dementsprechend sehen auch die Autos der locals aus. Dass die Einheimischen Gummistiefel und dreckige Hosen tragen, ist keine Schlampigkeit, sondern entspricht der Logik. Wir sehen viele originalgetreue Gebäude aus Goldgräberzeiten. Einige von ihnen sind offensichtlich renoviert, andere stehen noch so da, wie sie vor 100 Jahren erbaut und später verlassen worden sind. Überall findet man vor den Häusern, praktisch als Bürgersteige, die typischen boardwalks aus Holz, damit man nicht die ganze Zeit im Matsch läuft. Die visitor information (1st Ave) ist nicht nur von außen, sondern auch von innen ganz der alten Zeit treu geblieben. Bis ins kleinste Detail erinnert alles an einen Handelsposten bzw. "Tante Emma Laden", sogar das Personal trägt Kleider und Mode aus dem 19. Jahrhundert. Viel Zeit haben wir an diesem Tag nicht mehr, aber trotzdem fahren wir zu einem Aussichtspunkt hoch über der Stadt auf den Midnight Dome Mountain. Von da haben wir einen 360° Rundblick über die weiten Abraumflächen, die Stadt und den Zusammenfluss von Klondike und Yukon River. Die continental divide haben wir in den Rockies schon längst überquert und damit die Wasserscheide. Alle Flüsse, die wir jetzt sehen oder überqueren fließen in die Bering - See oder den Arktischen Ozean wie auch der Yukon. Wieder einmal mehr sind wir beeindruckt und wenn man mal absieht von den Autos und sonstigen Errungenschaften der heutigen Zeit, könnte man wirklich meinen, in Jack Londons Zeiten zu sein. Wir fahren zurück auf den Zeltplatz kurz vor den Toren der Stadt und machen es uns im kitchen shelter bequem. Viele Camper treffen wir auch hier nicht, denn es ist off season [ bezeichnet die Zeit außerhalb der Touristensaison] . Die Touristenströme sind längst gen Süden gezogen, denn der Winter steht hier oben schneller vor der Tür, als man es als Europäer gewohnt ist. Uns stört das nicht. Im Gegenteil, wir sind froh, alles Laute hinter uns gelassen zu haben und genießen das ruhige, beschauliche Leben hier. Da Michael kocht und Daniel einem kecken Eichhörnchen hinterhersteigt, machen wir einen Spaziergang auf einem nahegelegenen trail. Rechts und Links von uns schießen Pilze aus dem Boden. Steffi identifiziert sie fachmännisch als essbar. Also sammeln wir, was das Zeug hält, und mit Daniels Unterstützung haben wir letztendlich zwei große Beutel zusammen. Etwas skeptisch ist unser Koch schon, als wir ihm unsere Ausbeute zeigen, aber er beruhigt sich, als wir den Rat von einem Ehepaar einholen. Es sind 1A Birkenpilze, wie man uns sagt, und sie schmecken einfach fantastisch. Das Ehepaar rät uns zudem, als sie erfahren, dass wir auf dem Weg nach Alaska sind, uns eine Axt zu besorgen. Bisher hatten wir das Feuerholz immer auf den Zeltplätzen ofenfertig vorgefunden. Das sollte sich in Alaska ändern. Bevor wir abends in die Schlafsäcke steigen, sehen wir Polarlichter. Sie sehen aus wie ein leuchtender, weißlicher Nebel, der sich am nächtlichen Sternhimmel ständig bewegt und verändert [ Aurora Borealis tritt in einer Höhe von 80 - 100 km über der Erdoberfläche auf. Es wird angenommen, dass die Erscheinungen von Sonnenteilchen mit hoher elektrischer Ladung herrühren, die im Magnetfeld der Erde in Lichtenergie umgesetzt werden. Die Farben des Nordlichtes reichen vom verschwommenen Weiß, über Gelbnuancen bis zu Rottönen.] .
Die Nacht ist kalt gewesen. Das Thermometer im Auto zeigt - 6° C an, aber so richtig glauben können wir das nicht. Es muss kälter sein! Es hat aufgehört zu regnen, aber der Himmel ist immer noch wolkenverhangen. Es ist ungemütlich und kalt in unserem Freiluft - Domizil und so beschließen wir, downtown in einer Kneipe zu frühstücken. Klondike Kate's Restaurant, nach einem Showgirl benannt, bietet ein typisch amerikanisches Frühstück an: can$ 3.99 plus can$ 1 für Kaffee mit free refill. Bohnen, gebratener Speck, Eier (natürlich sunny - side up), Marmelade, Toast und alles nicht zu knapp - königlich. Die Atmosphäre in diesem Laden ist toll. Wie gesagt, die Saison ist vorbei und so kommen auch die Dawsoner dazu, die sonst hauptsächlich vom Tourismus leben, in der Kneipe zu frühstücken. Trucker, kautzige Einsiedler, natives (indianische Urbevölkerung) - jeder kennt jeden und keiner scheint es eilig zu haben. Man schlürft seinen Kaffee, isst, unterhält sich mit der Bedienung oder schreit durch den ganzen Laden einem Hereinkommenden ein "Howdie" zu. Wir fallen gar nicht auf und lassen uns mitreißen. Dann brechen wir auf, um uns die Stadt genauer anzusehen. Die Jungs gehen zunächst in eine Bibliothek und lesen die e - mails aus. Danach stromern wir durch die Straßen, suchen in den Läden kleine Mitbringsel. Neben jedem historischen Haus sind Informationstafeln angebracht, die uns die Möglichkeit geben, über die Goldgräberzeit, die Menschen und den unwirtlichen Lebensraum mehr zu erfahren. Vor allem die unrenovierten Häuser sehen aus, als ob sie gleich zusammenfallen wie Kartenhäuser. In alle Richtungen sind sie verzogen, fast alle sind an den Ecken in den Boden eingesunken oder werden mit Balken gestützt. Als die Häuser erbaut wurden, musste alles sehr schnell gehen. Man verwendete zum Teil noch grünes, frisch geschlagenes Holz und auch die Folgen, die der Permafrost in diesen Breiten anrichten kann, wurden außer Acht gelassen. Die Häuser sollten ja sowieso nur solange stehen, bis man genug Gold geschürft hatte, um nach Hause zurückzukehren. Da sich das Wetter immer noch nicht gebessert hat, wollen wir den ganzen Tag in Dawsonverbringen, bevor wir uns über den Top of the World - Highway (Hwy 9) nach Alaska begeben. Dies gibt uns die Chance, an der letzten Stadtführung für dieses Jahr in Dawson teilzunehmen. Für nur can$ 5 wird uns dann eine Show geboten, die so manches Kanadisten - Herz höher schlagen lässt. Wir werden von einer jungen Studentin geführt, die mit solch einem Temperament und lebendigen Bildern die Geschichte von Dawson wiederaufleben lässt, dass man 1999 ganz vergißt. Hier kurz einige Informationen über das Yukon Territory und die Stadt: |
Das Yukon Territorium ist mit 483.450 km² (das 26 - fache von Sachsen!) ein recht großes Gebiet, aber die Gesamtbevölkerung beträgt lediglich 32.000 Menschen, die in einer europäischen Mittelstadt gut Platz hätten. 2/3 dieser Bevölkerung lebt in der Hauptstadt Whitehorse, ganz im Süden des Territoriums, ansonsten fehlen größere Städte völlig.
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Wenn im Yukon von Pionier - Atmosphäre die Rede ist, ist dies fast als ein Fossil zu bezeichnen. Es finden sich Relikte aus der Vergangenheit, in der der Mensch versucht hat, sich dieses riesige Waldland zu unterwerfen, ihm seine Schätze zu entreißen. Ob mit Erfolg oder nicht, nur wenige dieser Menschen blieben hier in der Nähe des Polarkreises, die meisten verließen das Land ärmer, als sie es betreten hatten.
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Die Geschichte des Landes reicht weit zurück, wenn man sie mit den Indianern beginnen lässt. Seit frühester Vorzeit war hier die Brücke von Ostasien, über die die Urbevölkerung nach Osten emigrierte. Viele verblieben in den Wäldern, um sich hier von der Jagd und der Fischerei zu ernähren. Die Geschichte ist dagegen jung, wenn man sie auf die Präsenz des "Weißen Mannes" bezieht. Seit wann genau Kontakte mit der Urbevölkerung bestehen, kann man nicht definitiv sagen. Sicher ist nur, dass dieser Kontakt von Westen, von Russland her bestand, bevor die Pelzhändler aus dem Osten in das Gebiet vordrangen. Die Pelzhandelsphase hat zwar die ersten Kontakte mit dem Gebiet hergestellt, zu einer Erschließung und Besiedlung hat es dagegen kaum gereicht.
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Das änderte sich, als 1863 ein anglikanischer Missionar am Birch Creek Gold entdeckt hatte, was die ersten Goldsucher auf den Plan rief. Dass es nicht auf Anhieb mehr waren, lag wohl daran, dass die Goldsuche im Cariboo - Gebiet (BC) auf ihrem Höhepunkt war, und nach dort gelangte man leichter und schneller als in das entfernte Yukon Gebiet. Nachdem diese Felder erschöpft waren und George Washington Carmack, Tagish Charlie und Skookum Jim am 17. August 1896 am Rabbit Creek (später in Bonanza Creek umbenannt), einem Nebenfluß des Klondike River, auf Gold stießen, lösten sie damit den Klondike Goldrush aus. Innerhalb kurzer Zeit strömten weit über 100.000 Menschen aus aller Welt in das Yukon Gebiet. Nur 30 - 40 % aller Goldsuchenden erreichten ihr Ziel im hohen Norden. Die meisten überquerten im Winter 1897/98 den berüchtigten Chilkoot Pass zwischen Skagway und Withehorse, der unglaubliche Opfer forderte. Neuankömmlinge im hohen Norden wurden Cheechakos (Wort der Chinook - Indianer für Neuankömmlinge) genannt. Wenn sie den ersten kalten Winter erfolgreich überstanden hatten, hießen sie Sourdoughs, weil sie stets einen Klumpen Sauerteig zum Brotbacken mitführten. Am Zusammenfluß des legendären Klondike mit dem Yukon River entstand die Stadt der Goldgräber, Dawson City, die innerhalb weniger Monate auf eine Bevölkerung von 40.000 Menschen anstieg, fast doppelt so viele wie heute im gesamten Territorium leben. 1898 war sie vorrübergehend die größte Stadt westlich von Chicago und nördlich von San Fransisco und mit Sicherheit die teuerste Nordamerikas. Denn alle Lebensmittel mussten über Tausende von Kilometern herangeschafft werden. Kein Problem waren die hohen Preise für die Erfolgreichen. Doch nicht nur mit Goldfunden wurde man reich, sondern unter dem Motto "Mining the miners"
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[ übs. In den Taschen der Goldsucher graben.] |
füllten sich auch die Taschen der "leichten Mädchen" der Dawsoner Red Alley, die der Banken, der Unterhaltungskünstler und die der Barbesitzer. Posten der North West Mounted Police wurden eingerichtet, um Gesetz und Ordnung zu garantieren. Der Rausch am Klondike hielt jedoch nur runde 10 Jahre an. Dann waren die Reichtümer der Flüsse und Bäche erschöpft, zumindest soweit sie die Goldwäscher mit ihren Pfannen erschließen konnten. Die Bevölkerung ging zurück, die Abenteurer zogen nach Alaska weiter; 1930 wurden in Dawson City nur noch rund 4000 Menschen gezählt. Seinen Tiefpunkt erlebte es 1979, als die Bevölkerung weniger als 900 Personen betrug. In den 80 - er Jahren kam es zu einer "Wiederbelebung". Unter der Regie des Canadian Parks Service wurden 35 historische Gebäude im Stadtkern mit großer Sorgfalt restauriert. Ziel war es, den gesamten Ortskern getreu dem Aussehen zur Zeit des Goldrausches zu rekonstruieren. Dawson City entwickelte sich zum Besuchermagneten und zählt heute fast 2000 Einwohner.
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Neben der Fülle an Informationen kann Pascale, unsere Führerin, auch sehr amüsante Geschichten erzählen: Um die erarbeiteten Unzen Gold zu Geld zu machen, tauschte man die nuggets oder den Goldstaub bei Banken in Geld um. Da man aber zu dieser Zeit alle Gebäude aus Holz fertigte und Dawson City eine sehr belebte Stadt war, passierte es schon mal, dass ein Feuer in der Stadt ausbrach. Einmal brannte bei so einem Feuer auch die Bank ab und das in ihr gelagerte Gold schmolz und verflüchtigte sich im Erdreich. Um kein Krümmelchen Gold zu verlieren, waren die Bankiers eine ganze Woche damit beschäftigt, das bereits einmal geschürfte Gold nochmals aus dem Boden zu schürfen. Eine gelungene Abwechslung für die Bevölkerung, ihnen dabei zuzuschauen.
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Vollends gepackt vom Goldfieber und gefangen in Vorstellungen und Bildern längst vergangener Zeit, kann ich den Rest der Mannschaft überzeugen, ein ganz besonderes Souvenir in Dawson machen zu lassen. Wir lassen uns in alter Goldgräberkleidung von einem Fotografen ablichten und bekommen zwei extra vergilbte Abzüge davon. Es macht eine Menge Spaß, sich die passenden Sachen auszusuchen, zumal alles nur hinten zugebunden werden muss. Bloß gut, dass man uns nur von vorne sieht. Michael erwirbt zu guter Letzt noch einen Backpacker - Hut, den er ab jetzt mit stolz - geschwollener Brust mehr oder weniger oft tragen wird. Zurück am Zeltplatz treffen wir ein alaskanisches Ehepaar, das uns die letzten Ratschläge für Alaska gibt. Hoffentlich wird das Wetter gut, damit sich die Fahrt über den "Top of the World" auch wirklich lohnt. Alaska, das Ziel unserer Reise, liegt nur noch wenige hundert Kilometer entfernt.
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